Die Kriegsenkelin

 

Porträt einer transgenerational Traumatisierten

 

Das schicke schwarze Audi-Cabriolet fährt schneidig auf den Parkplatz ein. Der auffliegende Kies spritzt beim Einparken auf einen Zug schwungvoll um die Reifen, nicht an die Karosserie. Kein Zweifel, die Fahrerin fährt leidenschaftlich und gerne Auto. Nicht ganz so schwungvoll wie sie eingeparkt hat, steigt eine zierliche, dunkelhaarige Frau aus. Sie ist klein und wirkt sehr mädchenhaft. Auch beim Näherkommen sieht man ihr die Ende vierzig nicht an.

Ich treffe mich mit Corinna[1] in ihrem Heimatort Aschaffenburg. Sie will anonym bleiben, da man sich in einer Kleinstadt kennt und auch der Bezug zu ihrem Arbeitgeber schnell hergestellt ist.

Corinna setzt gegen das grelle Sommerlicht eine dicke schwarze Sonnenbrille auf. Darunter wirkt ihr Gesicht noch kleiner und verlorener. Wir einigen uns darauf, ein wenig im Schlosspark spazieren zu gehen. Es wäre ihr tägliches Nordic-Walking Gelände, sagt sie. Sie sei immer sportlich gewesen, aber dann kam die Krankheit, der Zusammenbruch. In der Akutklinik habe sie gelernt jeden Tag leichte körperliche Tätigkeiten einzuhalten. Mit Achtsamkeit und Maß. Nicht dieses auspowern bis zur totalen Erschöpfung, was ihr früher so wichtig war. „Mein Tag beginnt mit Qi-Gong-Übungen und Meditation, ganz egal, was sonst ist. Das tut mir gut. Aber es hilft nicht gegen die Ausraster, Zusammenbrüche und Abstürze, die ich immer noch habe. Es ist weniger geworden, aber die Heftigkeit der Verzweiflung bleibt. In diesem Moment hilft einfach nichts. Ein schwarzer Abgrund tut sich auf und ich lande direkt in der Hölle. Die Klinik hat mir gutgetan, aber die Krankenkasse hat meinen Aufenthalt nicht mehr verlängert. Dann musste ich dort raus. Ich bin auf eigene Kosten noch geblieben, als ambulante Patientin. Bin von meiner kleinen Ferienwohnung, die von der Klinik aus eine Stunde entfernt ist, mehrere Tage in der Woche hingefahren um Therapiestunden zu nehmen. Und um die Mitpatienten zu treffen, die noch dort waren. Aber irgendwann war es einfach zu teuer. Also musste ich wieder zurück in meine Wohnung in Aschaffenburg.“

Ihre Stimme ist gesprungen schrill und sehr laut. Sie klingt gequetscht, fast schon gequält und passt gar nicht zu dem sonstigen Habitus eines kleinen Mädchens. Ihre braunroten Haare trägt sie lang, leicht gestuft und offen. Wäre diese schrille Stimme und der gequälte, tiefdunkle Blick nicht, wenn sie ihre Brille abnimmt, wäre sie ausgesprochen attraktiv. Doch der alarmierte Tonfall mit dem sie spricht und der starre Ausdruck in den Augen verraten einen schwer angeschlagenen Menschen.

Corinna ist eine Kriegsenkelin. Sie zählt zur Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen, die unter der sogenannten „transgenerationalen Weitergabe kriegsbedingter Belastungen“ leidet. Der Begriff wurde von dem Sozialpsychologen und Altersforscher Hartmut Radebold 2005 geprägt und die Journalistin Sabine Bode hat ein Buch namens „Kriegsenkel“ zu dem Thema geschrieben. In der Generation der heute vierzig- bis Mitte fünfzigjährigen, finden sich auffällig viele Menschen, die schwere Erfahrungen des persönlichen Scheiterns gemacht haben. Viele davon suchen wegen Depressionen, Suchtverhalten, Brüchen in der Lebensgeschichte oder emotionalen Störungen therapeutische Hilfe auf. Durch das Konzept Kriegsenkel können diese Probleme als transgenerationale Folgen traumatischer Erfahrungen der Eltern heute erstmalig neu verstanden werden.

Ich frage sie, ob sie denn nach den vielen Klinikwochen nicht froh gewesen sei, wieder in ihr eigenes Reich zu kommen und Freunde zu treffen. „Freunde,“ sie schnaubt verächtlich „meine lieben Freundinnen tun so, als wäre ich auf einem monatelangen Erholungsurlaub. Wenn man den ganzen Tag Zeit hat und nicht arbeiten muss, könne es einem ja gar nicht schlecht gehen. Vor allem, wenn man dafür auch noch Geld bekommt, Massagen und Kunsttherapie.“

„Von meinen sogenannten Freundinnen höre ich nur, dass es ihnen sowieso viel schlechter gehe. Sie hätten immerhin alle Familien, die Kinder, die ständig etwas wollen und brauchen. Die Finanznot mit dem Hauskauf, der Mann, der nervt. Da würde ich doch ein himmlisches Leben führen, ich solle mich mal nicht so anstellen.“

Tränen schießen ihr in die Augen, sie setzt die Brille wieder auf. „Ich hätte auch gerne Kinder gehabt, aber das war in meiner Beziehung nicht möglich. Ständig gab es Streit, mein Freund hat mich schikaniert, vertröstet was die Familienplanung anging und emotional ausgebeutet. Als ich dann am Ende war, hat er mich weggeworfen wie ein Stück Müll. Nach 15 Jahren hat er mich einfach rausgeworfen, aus der gemeinsamen Wohnung.“  Ich bohre nicht weiter nach, denn der Gedanke an ihre vergangene Beziehung scheint sie immer noch sehr zu verletzen. Dass sie noch Stunden darüber sprechen und damit hadern könnte, ist ihr deutlich anzumerken.

Er wohne jetzt dort mit seiner neuen Freundin, erzählt sie weiter, nach einer kleinen Pause. Ein Vorzeigeobjekt sei die, wie sie damals auch, glatt, hübsch und fokussiert auf die Lösung seiner Probleme.

Ihr sei damals nur übriggeblieben, wieder in das Haus ihrer Mutter zu ziehen. Sie habe die große Wohnung im Obergeschoß renoviert, ihre Mutter wohne im Erdgeschoß mit eigenem Eingang. „Aber die Nähe tut mir nicht gut!“ Sie schluckt schwer und streicht sich die Haare langsam zurück. Ihre Stimme ist jetzt so schrill, als wäre etwas Schreckliches passiert. Etwas, das ihr Fassungsvermögen übersteigt. Ihre Mutter sei distanzlos, würde ständig bei ihr an der Haustür klopfen, ihr Essen bringen, sie zum Reden zwingen und ausfragen. Wenn sie dem nicht nachkommt, sagt sie, droht ihre Mutter ihr oder ist beleidigt. Sie sei früher ein Papakind gewesen, stundenlang sei sie bei ihrem Vater in der Werkstatt gesessen. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war oberflächlich und wenig herzlich. Auch sei ihre Mutter immer eifersüchtig auf diese Vater-Tochter-Nähe gewesen. Ihr Vater sei schon lange tot. Sie habe viel darüber nachgedacht und auch nachgeforscht, über die Vergangenheit ihres Vaters. Vor allem seitdem sie in der Klinik war. Hier seien ihr auch die Bücher von Sabine Bode in die Hände gefallen. Vor allem mit den „Kriegsenkeln“ kann sie sich gut identifizieren.

Wir setzen uns auf eine Parkbank unter eine Weide und blicken beide eine Weile schweigend auf den See. Die Schwäne gleiten ruhig darüber, die Frühsommersonne strahlt und die Luft ist ruhig. Fast erwartet man in dieser Idylle, eine Prinzessin mit einer goldenen Kugel spielen zu sehen, auf der Suche nach einem Frosch.

Wie sich denn bei ihr die Kriegsenkel-Symptome äußern würden, frage ich sie. Und ob sie schon ihr ganzes Leben betroffen sei, oder ob das erst mit den Jahren gekommen sei.

Corinna krempelt mit langsamen Bewegungen die Ärmel ihres langärmeligen Shirts hoch. Dann hält sie mir beide Arme nebeneinander vor die Nase. Der rechte Arm ist deutlich schmäler und weniger bemuskelt. „Ich habe seit vielen Monaten einen Muskelschwund, das ist mein Arbeitsarm. Eine Ursache kann einfach nicht gefunden werden. Ich war schon überall. Immer wieder stehen furchtbare tödliche Diagnosen im Raum. Dann werden Sie wieder verworfen, weil sich keine weiteren Anhaltspunkte finden. Das belastet mich sehr.“

Der Arm ist aber nur ein kleiner Teil am Ende ihrer Leidensgeschichte. Angefangen habe alles ganz anders. Ihre Gebärmutter musste vor einigen Jahren entfernt werden, seitdem war es mit dem Traum von der eigenen Familie ganz aus. Das hat ihr schwer zugesetzt und den Hass auf ihren Ex-Freund verstärkt, der ihr die eigene Familie beizeiten verwehrt hatte.

Auch die berufliche Konstellation war problematisch. Ursprünglich hatte sie Arzthelferin gelernt, doch das war ihr schnell zu wenig anspruchsvoll. Aber sie war festgefahren. Es musste ein helfender oder pflegerischer Beruf sein und Abitur und Studium wollte sie sich nicht leisten. Ein Lebensstandard mit teuren Urlauben, erstklassigen Restaurants, einem schnittigen Cabrio waren ihr sehr wichtig.  Also hat sie sich in der Pflege spezialisiert. Intensivmedizinische Messungen bei Schwerstkranken waren ihr Spezialgebiet, sie arbeitete viele Jahre im Schichtbetrieb im lokalen Krankenhaus.

Corinna kommt beim Erzählen ins Stocken, beugt sich nach vorne und verharrt starr. Jede Hilfe lehnt sie ab, es ginge gleich wieder, sagt sie.

„Diese Übelkeit!“ stöhnt sie. Sie brauche nur an ihre Arbeit zu denken, dann werde ihr schlecht. Dieser Geruch nach Tod, nach Exkrementen und das Gewimmer. Keiner ihrer Patienten sei noch in der Lage gewesen zu sprechen. „Über Jahre nur Tod und Leid, immer wieder. Den rechten Arm brauche ich übrigens, um die Patienten zu drehen.“ Sie lächelt düster, während sie das sagt.

„Meine „fleißiges-Mädchen-Antreiber“ ließen mich immer mehr arbeiten, bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Ich trug die Verantwortung für die Messungen auf der Station und war diejenige, die immer einsprang. Vermutlich trug ich auch die Verantwortung für den Krieg, die ganze Welt und musste unbedingt alle retten.“

Ein aussichtsloser Kampf.

Nach der Gebärmutteroperation, dem Rauswurf aus der Wohnung und der endgültigen Trennung von ihrem Partner, der immer weiterwachsenden Arbeit auf der Station und dem Mobbing das irgendwann dazu kam, war irgendwann die Erschöpfung zu groß.

„Wenn man sich selbst so lange in Grund und Boden wirtschaftet, kommt man von alleine nicht mehr auf die Füße.“ Corinna brach zusammen. Kam nach dem wochenlangem Warten auf einen Platz endlich in eine Klinik. Doch hier ging es ihr zunächst noch schlechter. Ohne die Bestätigung aus der Arbeit fiel ihr Selbstwert in den Keller. Die Antidepressiva brachten sie kaum zur Ruhe, dafür zusätzliche Kilos auf die Waage. Sie kämpfte und schrie, weinte und verzweifelte. Langsam wurde es irgendwann besser. Die Anfälle ihrer Verzweiflung wurden weniger. Sie bekam mehr Kraft, die Routine tat ihr gut, sie setzte die Antidepressiva ab und verlor wieder etwas Gewicht. Doch die Zusammenbrüche blieben. Den tiefen innersten Halt im Leben, das Urvertrauen gab es nicht. Sie war einsam und verlassen – ganz tief unten in sich selbst.

Dann, zuhause kamen neue Probleme hinzu: Eine passende Therapeutin finden – als Kassenpatientin ein schwieriges Unterfangen. Bei den wenigen Plätzen, die es gibt, ist die Wahrscheinlichkeit jemanden zu finden, der zur Erkrankung und Persönlichkeit passt sehr klein. Und Therapie kann auch das Gegenteil bewirken. Der falsche Therapeut oder die falsche Methode verschlimmern oft alles noch viel mehr. Jürgen Margraf, DGP Präsident an der Ruhr-Universität Bochum kritisiert schon lange: „Oft bekommen Patienten einfach nicht die Therapie, die für sie die beste wäre." Nicht jede Therapieform sei für alle psychischen Erkrankungen geeignet. 

„Meine erste Therapeutin, die ich nach ewigem Suchen endlich gefunden hatte, musste ich nach wenigen Sitzungen wechseln“ erzählt Katja weiter. Ihre Stimme ist immer noch schrill, klingt jetzt aber dünn und erschöpft. „Sie war mir gegenüber sehr negativ eingestellt, ich habe ihr nicht vertraut. So kann man einfach nicht gesundwerden. Der Therapeut hilft Dir dabei, dass tief in Dir selbst etwas heilen kann, dass etwas geradegerückt wird, oder dass du lernst, liebevoller mit dir umzugehen. Wenn du dich dabei abgelehnt fühlst, funktioniert die Therapie nicht. Das hat gar keinen Sinn.“

Das nächste Problem war die Arbeit. Corinna wollte aus finanziellen Gründen in ihren alten Beruf zurück. Von dem Gehalt einer MTA kann ich nicht leben, dachte sie damals trotzig. Doch ihr Arm kam ihr zu Hilfe und versagte ihr den Dienst. Der unerklärliche Muskelschwund setzte ein. Außerdem wurde sie jedes Mal fast ohnmächtig, wenn sie eine Person im Rollstuhl sah. „Das Schlimmste war der Besuch eines Freundes auf der Intensivstation. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten vor Übelkeit. Noch Stunden danach musste ich mich dauernd übergeben.“

Es dauerte lange, bis sie einsah, dass sie einen neuen Beruf brauchte.

„Und jetzt?“ frage ich sie. „Das geht jetzt seinen Weg. Die Reha, dann die Rente, falls es nicht unterwegs doch noch besser wird…“  Sie lächelt gequält, wirkt abgeklärt. „Jetzt gehen wir im Schloss Café noch etwas trinken. Hier wird es langsam richtig heiß.“

Corinna wird unterwegs noch einmal sachlich. Sie sagt, es sei ein Wahnsinn, wie wenig reflektiert ihre Eltern mit dem Krieg und dessen Auswirkungen auf sie selbst umgegangen seien.

Tief traumatisiert und ohne Vertrauen ins Leben und die Welt haben sie Kinder bekommen und alle Wunden einfach weitergegeben.

Es sei aber gut zu wissen, dass man mit all diesen Phänomenen nicht alleine sei. Dass das unerklärliche Grauen tief im Inneren oder wie bei ihr - der Zwang einen sozialen Beruf bis zur Erschöpfung auszuüben - außerdem die körperlichen Schmerzen, die Depression und das fehlende Vertrauen ins Leben, dass sie damit nicht allein sei. Dass das nicht ihr Fehler sei.

Dabei hätten ihr die Bücher von Sabine Bode sehr geholfen. „Das war eine sehr wichtige Arbeit, die diese Frau hier geleistet hat. Sie hat uns einen Namen gegeben. Das macht das Leben mit den Auswirkungen nicht leichter, aber es hilft weniger hart mit sich selbst zu sein. Vielleicht kann in unserer Generation endlich etwas heilen.“

 

 

 

 

 

 

Quellen:

 

Kara, Stefanie (2012):  Beipackzettel für die Psychotherapie. Online im Internet: http://www.zeit.de/2012/48/Psychotherapie-Nebenwirkung-Beipackzettel vom 19.08.2017

Bode, Sabine (2013): Kriegsenkel. 11. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta

 



[1] Name von der Redaktion geändert.