Blick auf die Tegernseer Hütte
Blick auf die Tegernseer Hütte

 

 

Das Wandern ist des Münchners Lust

 

Wie findet man ruhige Bergtouren abseits der Münchener "Wanderautobahnen"?

Ein verregneter Samstagvormittag am Parkplatz Bayerwald an der Bundesstraße 307 in der Nähe von Glashütte kurz hinter dem Tegernsee Fahrtrichtung Achensee. Es nieselt unangenehm, der ganze Himmel ist grau, ein Aufklaren unwahrscheinlich. Bereits um 8.30 ist der gebührenpflichtige Parkplatz überfüllt. Karawanen von Familien, Hunden und Kindern haben sich versammelt, um ihrem liebsten Hobby nachzugehen, dem Wandern. Aber auch wanderlustige Frauengruppen, Männergesellschaften, Einzelgeher und ganze Freundeskreise rotten sich zusammen, um den Aufstieg zu planen. Die Tour ist nicht schwer, nicht lang und lockt am Ende mit einem einfachen Klettersteig sowie einer Alpenvereinshütte mit guter Hausmannskost. Der Aufstieg zur Hütte ist noch von zwei anderen Parkplätzen in der Nähe aus möglich. Außerdem kommt man von Bad Wiessee und von Lenggries aus zur Tegernseer Hütte.

 

 

Stau am Grat und überfüllte Hütten

 

Nach einem nassen Aufstieg in der Schlange droht oben dann der endgültige Schock. Trotz des ständigen Nieselregens kommt die Wanderschlange bereits vor der Hütte zum Stehen. Manche Wanderer sind da noch mitten im Klettersteig.

 

Der Grund: Die Hütte und alle vorhandenen Plätze sind voll belegt. Es geht nichts mehr. Die Hütte liegt an einem Grat. Wer nicht im Regen, in der Schlange etwa 30- 40 Minuten auf einen Außenplatz warten will, der dreht nun am besten wieder um. Noch besser, er wäre gar nicht erst losgefahren, denn schon die Anreise aus München, dem Herkunftsort der meisten Wanderer hier, ist oft ein Alptraum. Entweder muss der Wanderwillige sehr früh aufstehen, oder er hat lange Anfahrtszeiten durch den Stau. Wer die Tour nicht schnell beendet und noch vor dem Stau wieder zu Hause ist, riskiert einen langen Heimweg.

Noch gemütlich einen Kaffee trinken auf dem Rückweg? Fehlanzeige. Wer steht schon gerne zwei zusätzliche Stunden im Stau für einen Kaffee?

Bergwandern ist so beliebt wie nie zuvor. Die Stadt München ist im "Alpen-Freizeitwahn."

Apropos Ruhe und Natur: Die sucht man an diesem Tag auf dem Weg zur Tegernseer Hütte vergeblich. Der Berg ist umweht prahlerischem Wandergeschwätz und Kindergeschrei. Vereinzelt Hundegebell. Es ist lauter als in der Münchener Innenstadt.

 

 

Der "Wanderwahnsinn" kennt kaum noch Grenzen

 

Birgit K., begeisterte "Berggeherin" aus Furth bei München, kennt diese Tage nur zu gut. "Ich bin in all den Jahren überhaupt nur ein einziges Mal in der Tegernseer Hütte eingekehrt. Ansonsten bin ich wegen der Überfüllung gleich wieder abgestiegen. Das ist schade, weil die Hütte sehr schön liegt und man einen großartigen Blick hat." Sie ist gebürtige Münchnerin und hat es mittlerweile aufgegeben, die Münchner Hausberge mit Hütten am Wochenende überhaupt noch anzusteuern. „Am besten man geht unter der Woche“ sagt sie. „Am Wochenende gehe ich nur abgelegene Routen ohne Gastronomie oder Berghütte. Und natürlich ohne Seil- oder sonstige Bergbahnen. Solche Touren, die schwer zu erreichen sind, nicht in der Presse breitgetreten wurden und einen unwegsamen Aufstieg haben sind die Besten. Schönwetterperioden, bei denen alle ins Umland fahren, meide ich ebenfalls. Wenn es bewölkt ist, mit stabiler Prognose, aber ohne Gewitter, das ist perfekt. Da sind dann immer noch genug Menschen unterwegs, aber es herrscht nicht dieser Wahnsinn aus Gucci-Schnepfen mit Chihuahua im Prada-Rucksack.“

 

Wer wie Birgit K. im Voralpenland aufgewachsen ist, der kann sich meist noch gut erinnern, wie ruhig und erholsam es früher in den Bergen war. Wandern war etwas für Freaks. Auf den Wanderwegen traf man oft lange Zeit keinen anderen Menschen. In den Hütten bekam man noch einen Sitzplatz und es gab einfache Gerichte wie Erbsensuppe und Würstel. Heute ist Wandern in den Münchener Hausbergen ein Massenphänomen. Mit grenzenlosen Handyempfang, Gourmetküche auf den Hütten und einem augenscheinlich herrschenden Wettbewerb um die teuerste Funktionskleidung.

 

 

Es geht auch anders

 

Ein Beispiel für eine einfache Bergtour abseits der Massen ist die Wanderung auf den Hirschhörnlkopf, ein Nachbar des stark frequentierten Jochbergs. Der leichte Gipfel ist in zwei Stunden erreicht und bietet einen wunderschönen Blick auf den Walchensee, den Ammersee, die Zugspitze bis hin zum Guffert. Zudem ist die Tour auch für das Frühjahr gut geeignet, da die sonnige Lage den Schnee schnell abschmelzen lässt. Mit einer Gipfelhöhe von 1515m ist der Hirschhörnlkopf ein guter Einstieg nach der Winterpause und für die ganze Familie geeignet. Völlig allein ist man hier an schönen Tagen nicht. Jedoch ist deutlich weniger los, als auf den bekannten Routen. Es spaziert hier nur weniger der Münchener „Wander-Hautevolee,“ deren meist kaum zu überhörende Gespräche um Privatkindergärten, Partys oder Top-Gastronomie kreisen. Stattdessen sind die Mitwanderer im Durchschnitt leiser, es sind meist Naturliebhaber, die Stille und Abgeschiedenheit suchen.

 

 

Buchtipp "Wilde Wege"

 

Touren abseits der Massen zu beschreiben, haben sich auch einige Wanderführer zur Aufgabe gemacht, wie z.B. „Wilde Wege“ von Mark Zahel. Das Buch stammt aus der Rother Wanderbuch Reihe, greift das Phänomen "Ruhe und Abgeschiedenheit in der Natur" auf und präsentiert Alternativen. Die Routen sind oft in der Nähe beliebter Ausflugsziele, nehmen dann jedoch meist eine ungewöhnliche, halb vergessene Route oder steuern Nebengipfel an. Mit dieser Hilfe kann man auch im völlig überlaufenen Münchener Voralpenland noch ein Plätzchen für ein einsames Bergpicknick finden. Die Touren sind nach Schwierigkeitsgrad unterteilt, so dass für Jeden etwas dabei ist.

Schöne Touren aus diesem Buch für den Sommer sind die z.B. die mittelschwere Rundwanderung vom Jenbachtal auf die Hochsalwand über die Rampoldplatte oder die schwierig klassifizierte Wanderung auf Aiplspitz und Jägerkamp von Aurach aus, die sogenannte Umrahmung des Auracher Kessels.

 

 

Planung einsamer Routen im „Web“

 

Auch für die Routenplanung im Internet stehen unzählige Portale zur Verfügung: Bergwelten.com, der Tourenplaner des Deutschen Alpenvereins, Bergtour-online.de, Outdooractive.com, Höhenrausch.de, u.v.m.

Wer sich in der Region auskennt, tut sich leicht, die "Bergsteigerautobahnen" und "Grüß-Gott-Wege" auszuklammern und eine schöne, ruhige Tour zu finden. Dabei kann man sich auf feste Gewohnheiten und Tourenpräferenzen der Party-Bergsteiger verlassen, denen es beim "Sehen und Gesehen werden" in Bergen nicht voll genug sein kann. Wer jetzt noch keine genaue Vorstellung von diesem Trubel hat, dem sei zur Meinungsbildung die Tour von Tegernsee zur Neureuth Alm empfohlen.

Für Wanderer die Ruhe und Erholung in den Bergen suchen und die nicht in der Region aufgewachsen sind, dem können ein paar einfache Tipps helfen, eine schöne Tour zu finden. Neben den bergsteigerischen Erwägungen (Wetter, Können, Kondition realistisch einschätzen) sollte man eine gute Anfahrtsroute nehmen oder früh losfahren. Die A8 oder die A95 sind bei schönem Wetter meist ab 8 Uhr morgens verstopft. Zu manchen Bergen, wie auch dem Hirschhörnlkopf, kommt man auch auf Nebenstrecken über kleinere Bundesstraßen. Hier hilft ein Blick auf Google Maps oder eine Straßenkarte. Daneben sollten auf der geplanten Bergtour keine Hütten oder Gastronomie zur Einkehr sein. Die Hütten ziehen sehr viele Wanderer an, denn für die meisten ist die Einkehr auf der Alm das lohnende Ziel der Mühen. Bergbahnen sind ebenfalls zu meiden und im Zweifel nimmt man lieber eine unbequeme, schwerere Tour.

Wer seine Brotzeit auf eine hüttenlose Tour selbst mitnimmt, hat nicht nur die Chance auf ein idyllisches Picknickplätzchen im Grünen mit umwerfender Kulisse, sondern auch auf Stille beim Genuss.

 

 


 

 Eine kleine Auswahl der stillerer Bergrouten:



Die Touren "Rundtour aus dem Jenbachtal" und "Umrahmung des Auracher Kessels" stammen aus dem Buch "Wilde Wege, Bayerische Alpen. 50 außergewöhnliche Touren zwischen Ammergau und Berchtesgaden " von Mark Zahel, erschienen im Bergverlag Rother.