Alpinstart

 

Drachenfliegen leicht gemacht

 

Der Drache steht ganz oben am Gipfel des Wallbergs auf einer der vielen Rampen. Das Trapez ist bereits aufrecht, die Flügel in den Wind gestellt. Der frühe Sommermorgen ist ungewöhnlich klar. Man kann vom Wallberggipfel bis zur Zugspitze sehen. Es riecht süßlich nach frischem Gras und Kräutern. Die noch leicht kühle Luft ist fast windstill. Doch die Hitze der Sonne gewinnt an unerbittlicher Macht. Hin und wieder zieht wenigstens hier oben auf dem Berggipfel die eine oder andere Windböe vorbei. Weiter unten an der Bergstation des Wallberg ist die Luft ruhig. Zu ruhig für einen Start mit einem Drachen.

Endlich kommt eine kleine Brise auf. Sie bleibt eine Weile unverändert. Spielt mit den Haaren der Zuschauer. Sie wird stärker. Schließlich kann man sie als kühlen Wind im Gesicht wahrnehmen. Der Pilot zählt von drei bis eins zurück. In diesem Moment rennt der Passagier, der leicht hinter dem Piloten steht, die Rampe hinab und schiebt beide mit voller Wucht dem Abgrund entgegen. Die Rampe ist sehr steil. Bei der Vorstellung von ihrem Ende nach unten auf die Latschenkiefern zu stürzen, stellt sich ein leichtes Gruseln ein. Man würde sich im besten Fall sehr weh tun.

Noch bevor beide, die da im Flugapparat hängen, das Ende der Rampe erreichen, hört man das typische knackartige Geräusch, wenn ein Segel den Wind aufnimmt. Der Drache schwebt in der Luft. Dann ist er schnell, sehr schnell weg. Die Zuschauer sehen bald nur noch ein kleines weiß-blaues Dreieck in der Ferne und hoch in den Lüften. Er dreht sich nicht etwa in den Wind und kreist dann langsam nach unten. Nein, ein Hängegleiter fliegt! Er fliegt eine Strecke von A nach B, genau wie ein Vogel. Dabei ist er ganz leise. So leise, dass man sich mühelos unterhalten kann.

Sieht man sich an diesem schönen Sommertag auf dem Wallberg um, so gibt es Heerscharen von Gleitschirmen die auf den Start warten und nur zwei Drachenpiloten. Warum ist das so? Sind Hängegleiter gefährlicher oder ist das Fluggefühl beim Gleitschirm besser?

Zunächst einmal ist Gewicht und der Transportumfang eines Drachen größer. Der Gleitschirm passt in einen Packsack, der aussieht, wie ein großer Rucksack. Den gibt es beim Drachen auch, aber es kommen noch die Stangen für die Flügel und das Trapez und die beiden Räder hinzu. Eine Person geht mehrmals von der Bergbahn bis zum Abflugort oder der Startrampe bis der ganze Drache oben angekommen ist. Gleitschirmflieger können dagegen auch auf Bergen ohne Bahn starten. Abgesehen also, dass ein Drache sperriger ist, liegt der mittlere Gewichtsunterschied etwa bei 15 kg, je nach Modell natürlich.  Und entscheidet man sich für eine andere Startmethode wie Ultraleicht-Schlepp oder Windenstart, fällt der „Gepäckunterschied“ nicht ins Gewicht.

Auch würden die meisten Menschen das Drachenfliegen spontan als gefährlicher einschätzen, als das Gleitschirmfliegen. Sieht man sich allerdings die Unfallzahlen genauer an, so stimmt das nicht. Zwar sind beide Fluggeräte außerordentlich sicher konstruiert. Nach den Anforderungen des DHV – des deutschen Hängegleiterverbandes – müssen alle Bauteile sowohl bei Drachen als auch bei Gleitschirmen einer achtfachen Sicherheitsmarge des Normalfluges entsprechen. Das bedeutet sie halten mindestens einer dreifach höheren Belastung als der Extrembelastung stand. Damit ist Materialversagen bei Drachen und bei Gleitschirmen praktisch unbekannt.

Im Mittel der letzten zehn Jahre verunglückten etwa 100 Geitschirmflieger jährlich. Dabei kam es zu etwa 9 Todesfällen pro Jahr. Unfälle mit Gleitschirmen werden mit etwa 20 pro Jahr angegeben, davon im Schnitt 2 tödliche Ausgänge. Insgesamt gibt es ca. 25.000 bis 30.000 Piloten beider Disziplinen. Zwar sind diese Zahlen verfälscht dadurch, dass die Anzahl der Drachenpiloten sehr viel geringer ist, als die der Gleitschirmpiloten. Jedoch ist der Drache aerodynamisch außerordentlich stabil und bietet eine höhere, passive Sicherheit als der Gleitschirm. Die Unfälle passieren aufgrund von Pilotenfehlern, meist bei Start oder Landung. Beides wird deswegen ausgiebig in der Ausbildung trainiert. Gleitschirme dagegen verlangen im Flug die aktiveren und konzentrierteren Piloten. Start und Landung sind bei schwächeren Windverhältnissen im Vergleich zum Drachenfliegen einfach. Fehler passieren hier meist aus falschen Einschätzungen der Windbedingungen. Auch Selbstüberschätzungen wegen des leichter erlernbaren Fluggeräts sind häufiger. Das generelle Unfallrisiko des Gleitschirmfliegens ist damit höher als beim Drachenfliegen und beim Segelfliegen. Nur Fallschirmspringen ist gefährlicher, was diese Luftfahrtkategorie angeht.

Der Drache, der so schnell davongeflogen ist, steuert für die Landung eine Wiese in Kreuth an. Weit weg von der Startstelle am Gipfel. Von der schwindelerregenden Höhe hoch über den Baumwipfeln ist er nun abgesunken. Zur Landung dreht er große Abwärtskreise über der Wiese. Dabei fällt erst auf, wie unheimlich schnell er ist. Lautlos geht es nach unten. Eine auf der Wiese jagende Katze rennt verschreckt heim zum nächsten Bauernhof. Dort sieht man die Bewohner zu viert um eine Kaffeetafel sitzen. Es sieht klein und niedlich aus und erinnert an eine Puppenstube.

Wenige Sekunden darauf ist er fast unten angekommen und schon jagt er über die Wiese. Dem Tandempassagier zu Liebe gibt es eine liegende Landung. Für einen erfahrenen Piloten ist das eher unehrenhaft, die Verletzungsgefahr für Ungeübte ist dabei jedoch geringer. Der Pilot, Christian Zehetmair von Drachenfliegen Tegernsee grinst lässig und beginnt mit seiner ruhigen, ungerührten Art gleich das Fluggerät auseinander zu bauen. Die Sonne sengt hier unten im Tal gnadenlos. Für den Passagier gibt es nichts mehr zu tun. Er ist stumm und sein Blick ist eine Mischung aus glücküberströmt und völlig fassungslos. „Das ist großartig, unvergleichlich – so unwirklich. Man liegt in der Luft wie ein Vogel.“ Na ja gut, als Tandem eher wie ein Wurm im Schnabel des Vogels, aber das kommt dem Vogelflug trotzdem sehr nahe.

Bei Flügen, die nicht nur vom Start zum Landeplatz hinabgleiten, nutzen Hängegleiter dynamische Hangaufwinde und Thermik. So können Flughöhen von mehr als 5000 m und Strecken von 25 bis 300 km, je nach Bedingungen erreicht werden. Der Flug kann wenige Minuten bis mehrere Stunden dauern. Ein klassischer Drache sinkt etwa 1 m/s. Damit ist er aus 300 m Höhe in ruhiger Luft nach fünf Minuten wieder am Boden. In stiller Luft kann der Drache pro 100 Höhenmeter zwischen einem und zwei Kilometer gleiten. Das ist eine doppelt so hohe Gleitleistung wie bei Gleitschirmen. Auch dieser Punkt geht also klar an den Drachen.

Der größte Unterschied ist jedoch das Gefühl beim Flug selbst. Die liegende Flugposition ergibt erst das Gefühl, wie ein Vogel zu fliegen. Dieses Gefühl kann kein anderes Fluggerät erzeugen. Zumal der Drache dabei rein durch Gewichtsverlagerung ohne weitere Hilfe geflogen wird. Im Gegensatz dazu hat man beim Gleitschirm eine recht große Distanz zum Fluggerät - die Art der Steuerung, die sitzende Flugposition und der Abstand zur Schirmkappe. So schwebt man zwar auch über die Landschaft, aber mit dem Vogelflug hat das nicht mehr viel zu tun.

Christian Zehetmair hat alles zusammengepackt und ins Auto auf den Gepäckträger verladen. Er wird heute noch einen Flug machen. Er fliegt jetzt seit genau zwanzig Jahren Hängegleiter. Der ehemalige Pilot der deutschen Nationalmannschaft ist der Gründer und Inhaber von Drachenfliegen Tegernsee und der erste Berufspilot am Wallberg. Er hat über 1000 Passagieren bereits den schönen Tegernsee aus Sicht eines Vogels gezeigt. Zum Drachenfliegen kam er aufgrund einer Knieverletzung, die ihm nur noch wenig Möglichkeiten für andere Sportarten als Profi lies. Dann hat ihn die Faszination gepackt. Drachenfliegen ist mit keinem anderen Sport zu vergleichen.

 

Bei der Frage nach einem Strömungsabriss beim Drachen winkt er nur ab. „Die Tandemdrachen sind so gutmütig, die bringst du nicht runter.“ Für den schlimmsten Fall sei auch noch ein Notfallschirm an Bord. Aber solche Manöver könne man kaum fliegen, dass man den brauchen würde. Nur so einen Start wie heute, vom Gipfel, den würde er kaum noch machen. Das sei einfach extrem anstrengend, mit der ganzen Schlepperei. Der Wind heute Morgen wäre vom normalen Abflugpunkt aus der falschen Richtung gekommen. Und es sei auch zu wenig Wind gewesen. Jetzt habe er aufgefrischt und gedreht, damit könne er einen normalen Hangstart machen. Dann grinst er. Früher sei er ganz oft da oben gestartet. Der Alpinstart am Wallberg sei auch alleine den Drachen vorbehalten, Gleitschirme könnten dort oben gar nicht starten. Der Alpinstart sei schon etwas Besonderes.

Warum gibt es aber nun so wenig Drachen und so viele Gleitschirme? Warum geben sich so viele mit einem Gleitschirmflug zufrieden, obwohl das Gefühl des Drachenfliegens weitaus einzigartiger ist und der Drache das sicherere und überlegenere Sportgerät ist?

Zu erklären ist das nicht. Denn das Gefühl vom Fliegen, das gibt es nur beim Drachen. In Worte gefasst kann man es kaum besser ausdrücken, als es die Philosophie von Drachenfliegen Tegernsee auf Ihrer Website beschreibt:

„Drachenfliegen ist und bleibt einzigartig - vielleicht gerade auch vor dem Hintergrund der vielen anderen Trendsportarten. Es ist jene Sehnsucht, welche viele Menschen von Anbeginn in sich getragen haben: Flügel zu haben und zu fliegen wie ein Vogel - Freiheit.“ 

 

 

 

 

links (vom 24.08.2017):

 

http://www.drachenfliegenlernen.de/fliegenlernen/generelles/index.php

https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4ngegleiter

http://www.heb-ab.de/doderg.php

https://www.drachenfliegen-tegernsee.de/

https://www.dhv.de/web/piloteninfos/sicherheit-und-technik/


Videoimpressionen eines Tandemfluges mit einem Drachen

vom Wallberg