Die Rache des Waldes?

Neues vom Ebola-Virus

 

Viren sind keine Lebensformen wie Bakterien. Ihnen fehlt ein wesentliches Merkmal zum Leben, nämlich das des eigenen Stoffwechsels. Das macht manche von ihnen nicht weniger gefährlich. Viren sind infektiöses Erbmaterial, das mit mehr oder weniger Hüllproteinen verpackt reist. Findet es den geeigneten Organismus, nutzt es die dortige Infrastruktur des Wirtes um sich zu reproduzieren. Nicht jeder Virus kann dabei in jedem Organismus Fuß fassen. Oft sind Viren, die sich auf eine Spezies spezialisiert haben und dann auf eine andere überspringen besonders gefährlich. Man spricht von einem Fehlwirt. Weil sich das Virus in der jeweiligen Umgebung zwar reproduzieren kann, aber an die Umgebung nicht angepasst ist, gibt das in manchen Fällen ein schlimmes Blutbad unter der neu eroberten Art. Dabei ist die Evolution der Viren eigentlich darauf ausgerichtet, den Wirt lange am Leben zu lassen um sich maximal zu verbreiten.

 

Die spanische Grippe

 

Ein gutes Beispiel für die Virenevolution ist die spanische Grippe. Diese Pandemie, also kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit, kostete von 1918 bis 1920 weltweit vermutlich mehr Tote, als beide Weltkriege in Europa zusammengenommen. Gesichert geht man von 25 Millionen aus, es werden aber Zahlen bis über 50 Millionen nach neuerer Forschung für realistisch gehalten. Den Namen hat sie erhalten, da in Spanien die hohe Zahl der Opfer nicht unter die Pressezensur des Krieges fielen und deswegen die ersten offiziellen Meldungen von dort kamen. Diese Grippe raffte nicht nur Alte und Schwache dahin, sondern 20- bis 40-jährige waren genauso betroffen. Das Virus dazu heißt Influenza-A-Virus H1N1 (A/H1N1) und kommt heute in Vögeln, Menschen und Schweinen vor. Das ursprüngliche Reservoir bildeten wohl Wasservögel. Reservoir bedeutet, dass sich der Erreger hier sammeln, vermehren und von dort erneut ausbreiten kann. Reservoire können Tiere, Menschen oder ganze Biotope sein.

Heute hat man genug von der Spanischen Grippe verstanden, um das Gefahrenpotential einer Pandemie einschätzen und fürchten zu können. Und man hat genug verstanden, um gefährliche Kandidaten beizeiten im Labor und auf freier Wildbahn zu untersuchen.

 

Geschichte der Ebola

 

Ein Virus, das schon viele Filmemacher zu grausigen Pandemie-Szenarien inspiriert hat ist das Ebola-Virus. Es ist immer noch Gegenstand intensivster Forschung, da es eine hochinfektiöse und sehr tödlich Form des hämorrhagischen Fiebers ist. Obwohl mittlerweile komplett sequenziert, das heißt, man kennt die gesamten genetischen Informationen die es trägt, bleiben noch viele Fragen offen. Die Forscher kennen sogar alle Proteine, die im Erbgut des Ebola-Virus gespeichert sind und von den Wirtsorganismen hergestellt werden.

Über die tatsächliche Verbreitung und die Reservoire von Ebola tappen die Forscher immer noch im Dunkeln. Zuerst ausgebrochen ist es im Jahre 1976 in der Nähe des Ebola-River. Das Pathogen war bis dahin völlig unbekannt. In Yambuku einem kleinen Krankenhaus der heutigen demokratischen Republik Kongo, wurde es zuerst registriert und von dort breitete es sich über umliegende Dörfer aus. Die Opfer litten zunächst an starken Halsschmerzen, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Dann begannen sie aus den Augen und der Nase zu bluten. Der Tod trat binnen Tagen ein. Das Virus kostete damals 318 Menschenleben und 90 Prozent aller Infizierten starben, bevor es wieder verschwand. Ein wichtige Frage, auf die es bis heute keine Antwort gibt, ist, wo sich das Virus aufhält, wenn es nicht tötet.

 

Ebola ist zwar erforscht, aber nicht verstanden

 

Bis heute wurden Unmengen von Blutproben von Infizierten ausgewertet und klinische Daten gesammelt. Es gibt bislang keine Medizin dagegen, aber zumindest einen Impfstoff, der vielversprechend ist. Vincent Munster vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Montana forscht seit vielen Jahren unermüdlich immer wieder vor Ort in Afrika. Mittlerweile ist die gesamte Replikation, also der Vervielfältigungsmechanismus des Virus bekannt, aber nichts darüber, woher es kommt und wie es die Ausbrüche verursacht.

Ebola ist eine Zoonose, eine Tierkrankheit. Es tötet Antilopen, Gorillas und Schimpansen. Doch muss es Tiere geben, die es beherbergen, ohne dass es sie tötet. Da die Hauptverdächtigen dafür Fledertiere sind, forscht Munster intensiv am Hammerkopf, einer fruchtfressenden Flughundeart im Regenwald des nördlichen Kongo. Von hier sind die Hälfte aller Ausbrüche von Ebola Zaire, der tödlichsten aller Ebola-Arten ausgegangen. Es ist der Ebola-Hot-Spot der Welt. 

 

Flughunde als aussichtsreichste Kandidaten

 

Der Hammerkopf ist Afrikas größte Flughundeart mit einer Flügelspannweite von bis zu einem Meter. Das Marburg-Virus konnte bereits in verschiedenen Fledertieren nachgewiesen werden, inklusive Antikörper die sich dagegen richten. Aber niemand hat bislang aktive Ebola-Viren bei Fledertieren gefunden und niemand weiß, wie es von Fledertieren auf andere Arten überspringt. Gefunden wurden jedoch Antikörper und virale Fragmente von Ebola und zwar in drei verschiedenen Spezies, darunter dem Hammerkopf. Mit der diesjährigen Untersuchung von Munster ist die Hoffnung groß, nicht nur ein aktives Ebola-Virus zu finden, sondern auch ein Muster. Das Muster soll erklären, wann die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die Tiere ein Virus in sich tragen und es weitergeben.

 

Die Abholzung des Regenwaldes spielt eine Rolle

 

Eine andere Forschungsgruppe hat zum Thema Ebola dieses Jahr einen weiteren Zusammenhang hergestellt. Nämlich dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Ebola-Epidemie an den Stellen signifikant höher ist, an denen der Wald frisch abgeholzt wurde. Die Ebola-Ausbrüche in Zentral- und West-Afrika der letzten Jahre zeigten einen klaren Zusammenhang, zu den Abholzungen von Waldgebieten in den davor liegenden zwei Jahren. Einen Verzicht auf die Abholzung der Wälder in diesen Ländern würde nach dieser Arbeit die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruches signifikant senken. 

 

 

Seit 1976 tritt das Ebola-Virus immer wieder unvorhersagbar in kleinen, tödlichen Ausbrüchen auf. Meist in zentralafrikanischen Gegenden. In 2013 fasste es in Guinea Fuß und kam tatsächlich bis in die dicht besiedelte Hauptstadt. Auch Liberia und Sierra Leone hatten Opfer zu verzeichnen. Bei diesem bislang größten Ausbruch starben mehr als 11.000 Menschen. Für unsere nächsten Verwandten, die Affen, ist Ebola die tödlichste Gefahr neben der Wilderei. Zwischen 2005 und 2012 starb die Hälfte der Population im nördlichen Kongo an dem Virus.

In der globalisierten Welt, in der alle schnell von einem Ort zum anderen reisen und in der fast überall hin Straßen führen, könnte irgendwann die Zeit knapp werden, die wichtigen Rätsel dieses Virus zu lösen. Die Forschungsinteresse ist daher weiterhin hoch.