"Was alle angeht, können nur alle lösen"

 

 

(Friedrich Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern)

 

Auf die Vorteile der Gentechnik will niemand mehr verzichten. Trotzdem stehen viele Menschen den neuen Technologien sehr skeptisch gegenüber. Aufzuhalten sind sie nicht, deswegen ist die gesellschaftliche Erarbeitung eines differenzierten Wertesystems unumgänglich. Und was hat eigentlich Glyphosat damit zu tun?

 

 

Wir kommen nicht mehr an ihr vorbei. An der Gentechnik. Und wenn wir noch so genfreie Landkreise schaffen und auch im Bioladen fleißig gegen Gene sind. Eigentlich wollen wir das auch nicht. Zumindest nicht, wenn wir mal richtig nachdenken. Zum einen sind diese Kampagnen nicht nur absurd was die Wortwahl angeht. Schließlich ist die Existenz von Genen eine biologische Tatsache. Es gibt überhaupt keinen Organismus ohne Gene. Gehen wir noch einen Schritt weiter. Ein Virus hat z.B. nicht alle Kennzeichen des Lebens. Er oder sie ist also kein Lebewesen. Und auch ein Virus besitzt Gene. Das ist der Grund, warum Viren so  attraktiv für die Gentechnik waren. Sie sind die idealen Genfähren, also Transporter, um in einen biologischen Organismus einzudringen und dort das Erbmaterial zu verändern. Es wird ganz ohne Gene auf diesem Planeten schwierig, da schon die unbelebte Welt damit arbeitet. Doch ist die starke Verallgemeinerung der Begriffe letztlich nur Wasser auf die Mühlen derer, die die Gentechnik ohne Rücksicht auf ein Wertesystem kommerzialisieren oder missbrauchen.

 

 

Was wir alle wollen!

 

Die positiven Aspekte der Gentechnik will niemand mehr missen. Ein ganz einfaches Beispiel sind die Diabetiker, die wieder Rinder- und Schweineinsulin spritzen müssten. Eine Vielzahl an Therapeutika und Medikamenten sind seit der Einführung des ersten rekombinanten Humaninsulins im Jahr 1982 auf dem Markt und noch viel mehr in Entwicklung. Rekombinant bedeutet hier, dass das Insulin in gentechnisch veränderten Bakterien gezüchtet wird. Auch die Krebstherapie hat vielversprechende Fortschritte gemacht, seit sie durch die Gentechnik Unterstützung bekommen hat. In den Reihen meiner ehemaligen Mitschülerinnen bei Klassentreffen sind bereits einige Plätze leer. Unter anderem verstorben an Brustkrebs. Auch meine Mutter hatte Brustkrebs. Sie hat ihn überlebt, die Medikamente, die sie dazu schlucken musste waren aber barbarisch. Sicher wird mir jeder zustimmen, dass der medizinische Einsatz für die Gentechnik sinnvoll ist. Krebs könnte irgendwann für alle heilbar werden und Erbkrankheiten für immer Geschichte sein. Oder droht hier doch Gefahr? Werden wir irgendwann neue Menschen züchten? Ist das der Beginn einer neuen Ära von „lebenswertem“ Leben? Macht das vielleicht schon jemand irgendwo? Sollte das nicht verhindert werden?

Wir können jetzt natürlich unseren „Gen-frei- Aufkleber“ am – leider noch nicht - Elektro-Auto anbringen und damit Stellung beziehen. Die Medikamente der pharmazeutischen Industrie, die mit gentechnischen Methoden hergestellt werden, nehmen wir dagegen vermutlich weiterhin dankbar an. Und hoffen im übrigen auf das Beste.

 

 

Es fehlt immer noch an einer gesellschaftlichen Diskussion auf breiter Ebene

 

Viel wichtiger wäre es, einen umfassenden gesellschaftlichen Diskussionsprozess zu starten. Nur dieser Prozess kann dazu führen, dass wir eine zur Technik passende Ethik entwickeln. Dass wir Technologien sanktionieren oder abwenden, die menschenverachtend oder umweltschädlich sind und die Technologien fördern, die wir brauchen um auf diesem Planeten und als Lebensform zu überleben. Wenn wir verallgemeinern, uns der Diskussion nicht stellen und uninformiert bleiben, dann gehört das Feld allein denen, die radikal sind. Denen, die sich eine goldene Nase verdienen und der Bevölkerung glauben machen wollen, die Ablehnung ihrer Produkte wäre technologiefeindlich und unwirtschaftlich. Ich denke da heute ganz speziell an Glyphosat. Über dessen Wiederzulassung wird gerade heftig in der EU gestritten.

 

 

Hintergründiges zu Glyphosat

 

Glyphosat ist ein Herbizid, ein Unkrautvernichter, der radikal alle grünen Pflanzen vernichtet. Entwickelt wurde es schon 1950 und seit 1974 wird es in der Landwirtschaft eingesetzt. Seit dem Ablauf des Patentschutzes im Jahr 2000 wird es von vielen verschiedenen Herstellern verwendet. Es ist das weltweit am meisten eingesetzte Pestizid und sein Einsatz hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Der Wirkstoff selbst ist ein Phosphonat und hat mit der Gentechnik erstmal nichts zu tun. Mit der Möglichkeit gentechnisch veränderte Pflanzen herzustellen, wurde jedoch schnell klar, wie groß ein Vorteil einer Resistenz gegen Glyphosat hier ist. So wurde gentechnisch verändertes Saatgut von Nutzpflanzen wie Raps, Mais und Soja hergestellt, das gegen Glyphosat immun ist. Die Begeisterung der Hersteller war groß. Sie konnten ihr Saatgut teuer verkaufen und dazu gleich noch das Pflanzengift. Argumentiert wurde gerne auch damit, dass das ganze umweltfreundlich sei. Vor allem, weil man viel weniger Herbizid brauche.

 

Die aktuellen Zahlen des weltweiten Einsatzes von Glyphosat strafen dieses Argument allerdings Lügen. Verkauft werden jährlich rund 850.000 Tonnen glyphosathaltiger Mittel, in Deutschland sind es etwa 5.000 Tonnen. Eine Studie des Bundesamt für Naturschutz (BfN) zeigt, dass der Herbizidverbrauch kontinuierlich zugenommen hat. Die Folge sei eine deutliche Abnahme der Biodiversität auf und neben Ackerflächen. Die Vielfalt der Pflanzenarten in unseren Landschaften verarmt messbar heißt das genau.

Eine kleine Randbemerkung: Wir sprechen hier gerade nicht über die Insektizide, also die Gifte gegen Schädlinge. Darunter fallen vor allem die Neonicotinoide, die unsere Bienen umbringen. Auch für deren Nutzung gibt es leider noch genug Ausnahmeregelungen. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Nun soll Glyphosat auch noch krebserregend sein. Hier hat jede Seite ihre eigenen Studien. Einen Konsens gibt es nicht. Von der internationalen Krebsforschungsagentur IARC wird die Chemikalie als "wahrscheinlich" krebserregend eingestuft.  Allerdings kamen Aufsichtsbehörden in der EU und auch in Deutschland zu einem anderen Schluss.

 

 

Sind es nicht ganz andere Fragen, die wichtig sind?

 

Leider verhindert der Deckmantel der radikalen Positionen, dass man schon vor Jahren etwas ganz anderes hätte diskutieren können:

 

Nämlich die Frage, ob ein Unkrautvernichter so unspezifisch sein sollte, dass er alle grünen Pflanzen vernichtet? Glyphosat ist, wie bereits beschrieben, ein sogenanntes Totalherbizid, also es wirkt auf alle Grünpflanzen. Der Wirkstoff blockiert ein Enzym zur Herstellung lebenswichtiger Aminosäuren in der Pflanze. Damit verhindert es das Wachstum von unerwünschten Pflanzen und auch von allen anderen. Mittlerweile ist es Usus, das Gift vor der Aussaat, kurz danach und vor der Ernte auszubringen.

 

Ist das heute noch ein guter und zeitgemäßer Ansatz? Ist das ein intelligenter Ansatz? Ist dieser Ansatz auch dann noch gut, wenn er weltweit massenhaft angewendet wird?

 

Schon jetzt gibt es bei den - ich nenne sie mal ironisch Schadpflanzen - Resistenzen gegen Glyphosat und Auskreuzungen der gentechnisch veränderten Nutzpflanzen unter den Wildpflanzen. Das bedeutet, einige Wildpflanzen sind immun gegen Glyphosat während andere sich mit den ausgebrachten, gentechnisch veränderten Pflanzen gekreuzt haben. Daneben wird jedoch immer mehr Glyphosat gespritzt. In der Evolution gilt jedoch der Grundsatz des Wettrüstens. Glyphosat wird daher auf Dauer unsere gesamte Grünpflanzenwelt verändern, vor allem, je mehr wir davon einsetzen. Es bleibt die Frage offen, wer am Ende stärker ist. Denn Schadpflanzen passen sich nicht nur an. Die Arten, die den Schritt in die nächste Evolutionsstufe nicht schaffen sterben aus.

 

 

Ein gutes Produkt?

 

Nach BASF-Chef Kurt Bock ist Glyphosat ein gutes Produkt und sollte weiterhin zugelassen werden. Die Verteufelung, die in Deutschland passiere sei abenteuerlich. Es liegt ein wenig der Schluss nahe, dass er vor allem seinen Umsatz im Blick hat.

 

In einer Tischumfrage im Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel (PAFF) scheiterte die EU-Kommission mit einer Neuzulassung von Glyphosat. Weder für eine zehn Jahre noch für fünf Jahre fand sich eine qualifizierte Mehrheit unter den EU-Mitgliedstaaten für die Wiederzulassung. Jetzt will die EU-Kommission im PAFF-Ausschuss am 9. November erneut abstimmen lassen. Die derzeitige Genehmigung für den Einsatz des Herbizids ist nur bis Mitte Dezember 2017 gültig. Wenn die Zulassung nicht erneuert wird, kann Glyphosat nur noch sechs Monate verkauft werden. Nach einem weiteren Einsatz von zwölf Monaten wäre es dann verboten.

Auch die Einfuhr von Waren wäre davon betroffen. Die Agrar-Lobby spricht davon, dass z.B. in südamerikanischem Sojaschrot künftig nur um das zweitausendfache niedrigere Glyphosat-Rückstände enthalten sein dürften. Das würde angeblich den sofortigen Handelskrieg bedeuten. 

 

 

 

Im Berchtesgadener Land geht es auch anders!

 

In diesem Zusammenhang hat die Molkerei Berchtesgadener Land einen erstaunlichen Schritt in die Zukunft unternommen. Der Aufsichtsrat der Molkerei hat in einer einstimmigen Entscheidung seinen Genossenschaftsmitgliedern den Einsatz von Totalherbiziden in deren Grün-und Ackerland verboten.

Das Verbot gilt ab sofort für alle Mitglieder deren Milch in Piding verarbeitet wird. Geschäftsführer Bernhard Pointner vertritt hier die Meinung, dass es im Milcheinzugsgebiet von Berchtesgadener Land keine Notwendigkeit gäbe, ein Totalherbizid einzusetzen. Vor allem, wenn dessen wissenschaftliche Bewertung hinsichtlich Auswirkungen auf Mensch und Umwelt kontrovers sei.

 

 

 

Wir kommen am Mitdenken nicht vorbei!

 

Mögen wir uns auch noch so verkriechen wollen oder Horrorvisionen der Gentechnik kultivieren, es wird uns nichts nützen. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Dieses Zitat von Friedrich Dürrenmatt aus den Physikern ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Umgang mit neuen Technologien. Es gibt kein zurück. Doch sind nicht alle Anwendungen gefährlich und bedeuten das Ende der Menschheit. Genauso wie nicht alle Anwendungen gut sind. Und manches ist ambivalent und wird es bleiben. Und genau das Ambivalente sollte unter gesellschaftlicher Beobachtung bleiben.

Um das in den Griff zu bekommen, müssen wir uns über die Technologien informieren und diese in einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess einbinden. Radikale Positionen die unreflektiert eingenommen werden schaden auf Dauer nur. Wir müssen mehr darüber wissen, mehr darüber sprechen und vor allem, uns selbst eine Meinung bilden.

Es gibt sie sowieso nicht „die Gentechnik.“ Es sind so viele verschiedene Anwendungen, so viele verschiedene Technologien. So viel Gutes und so viel weniger Gutes.  Wir brauchen hier ein Wertesystem. Eine Orientierung. Und das kann nur aus einer reflektierten Diskussion hervorgehen.

 

Ich habe als Kind gerne Ökolopoly gespielt. Vor allem, weil ich Einzelkind war und man dieses Spiel alleine spielen könnte. In dem Spiel ging es um die Steuerung des Geschickes eines Landes und man konnte an verschiedenen Rädern drehen, um vernetzte Entwicklungen zu erleben und zu lernen. Alle Szenarien in Ökolopoly waren durch eine Aktion sehr schnell lösbar: Indem man in die Aufklärung der Bevölkerung investierte!

Natürlich war mir klar, dass ich hier nicht zufällig die Weltformel gefunden hatte. Das Spiel war einfach zu flach entwickelt. Aber ein Quentchen Wahrheit liegt darin und daran glaube ich bis heute.

 

Die Aufklärung der Bevölkerung zu forcieren ist der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. Wer Probleme versteht betrachtet sie anders. Und er hat das Gefühl, dass es ihn angeht, wenn darüber diskutiert wird. So denken viele kluge Köpfe mit. Und die Entscheidung wichtiger Themen, die uns alle betreffen, wird nicht mehr nur auf wenige „vermeintliche“ Spezialisten verteilt, die nur ihre eigenen Interessen vertreten.